Usability World 2007

Dank etwas Glück und Paulinus wohlwollender Finger hatte ich ein Freiticket für die Usability World 2007 in Hamburg gewonnen. Der üppige Wert und die Aussicht mein Bloggervorbild kennenzulernen hat mich dann veranlasst ein TomTom Go 720 T (ca. 440,-), drei Ladungen Super Benzin (ca. 165,-) sowie zwei Übernachtungen im 25hours inklusive Frühstück (ca. 274,-) draufzulegen. Und ich muss sagen, es hat sich aus dreieinhalb Gründen gelohnt, wovon aber nur anderthalb mit der Usability World zu tun hatten.
Pro:
Donnerstagabend
Das absolute Highlight für mich war das abendliche Treffen mit Oliver, Jörn, Jörg und Stefan in der Lounge vom 25hours. Ich muss gestehen, ich bin eher ein Barcamp-, Kongress- und Partymuffel. Dafür beheule ich umso lieber den fehlenden Wissensaustausch mit Gleichgesinnten. Daher war der Donnerstagabend perfekt: nette Menschen, leckere Getränke (Danke für die Einladung, Oliver) und eine kalorienreiche Crème Brûlée sowie kontroverse Diskussionen (Und es gibt doch keine monolithischen Marken mehr, Stefan). Es hat Lust auf mehr gemacht, mal gucken ob ich meinen Ar... hochkriege.
Der Froschmann
Klar, Hartmut Esslinger war ein Hit. Wie der so über den Dingen schwebt, mit den Großen der Welt zusammenarbeitet und dank seiner akademischen Arbeit dem Morgen dieser Welt näher ist als wir es uns erträumen können. Toll. Auffällig ist auch, wie fordernd erfolgreiche Menschen sind. Wahrscheinlich da sie wissen, dass bei der Realisation nur ein Bruchteil davon übrig bleibt. Sehr schön war auch sein Darth Vader, der zwischen der Idee und dem Endprodukt sitzt und alles Ambitionierte, Geniale und Fortschrittliche aus den Projekten raussaugt. Ich kann bestätigen, die Darth Vaders sitzen überall. Wie gut, dass ich ein Jedi bin.
Der alte Mann und die Usability
Es tut mir Leid tut, dass Oliver die divenhafte Seite von Jakob Nielsen kennenlernen musste. Soetwas war nach einem sehr souveränen und fundierten Vortrag zum Stand der Usability nicht zu erwarten. Auch bei der Frage- und Antwort-Session wirkte Jakob noch sehr kommunikativ. Wahrscheinlich war es das Reizwort ‘Blogger’, welches ihn einschnappen ließ. Oder der Jet lag. Oder beides. Schade. Trotzdem: der Vortrag war sehr interessant. Besonders viel Mut macht mir die noch dringend notwendige Aufbauarbeit im B2B-Bereich für uns Usability-Verfechter. Denn B2B-Websites waren auf der Top-10 der Usability das Schlusslicht. Was für die Zukunft meiner Agentur hoffen lässt (Wenn da nur nicht die Darth Vaders wären).
Tierisch schlafen und schlafende Tiere
Übernachtungstechnisch war das 25hours Hotel wieder ein Hit, obwohl das WLAN gestreikt hat. Aber so konnte sich Stefan mit dem LAN auf meinem Zimmer vergnügen. Ansonsten: Klasse Einrichtung, klasse Zimmer, klasse Frühstück und klasse Service. Für mich die erste Adresse in HH. Sehr genial war auch das Tropen-Aquarium von Hagenbeck, wo die Veranstaltung stattfand. Im Tropen-Aquarium gibt es einen sehr interessanten und explorativen Rundgang. Und der Hammer war ein Großaquarium im Stile eines iMax-Kinos – sehr meditativ, besonders am Abend wenn nicht die Hölle los ist. Da muss ich mal mit meinen Töchtern hin.
[Update] Okay, im Tropen-Aquarium war nicht alles tierisch: Die Stühle waren echte Folterinstrumente, es gab kein WLAN und auch kein Handy-Empfang. Ähnlich wie im RTL Dschungel Camp.

Con:
Das Schweigen der Kunden
Alle Referenten reden gern davon, man solle doch bitte den Kunden in den Mittelpunkt stellen, aber mal einen Kunden auf das Podium zu stellen, darauf ist der Veranstalter nicht gekommen. Dabei hätte es allen Parteien, dem Veranstalter, den Referenten und Zuhörern, gut getan mal etwas über Customer Success Stories (oder auch Failures) zu hören. Wie ist das denn mit der Usability im Unternehmen? Welche Hürden gilt es da zu überwinden? Und bei der Auswahl eines geeigneten Usability-Partners? Was kann man Inhouse machen? Welcher Input kommt von den Kunden der Kunden? Was haben Usability-Maßnahmen überhaupt gebracht? Über welche Zeiträume sprechen wir da? Gibt es unterschiedliche Szenarien für Usability bei neuen Projekten, bei Redesigns oder im laufenden Betrieb. Stattdessen gab es ...
Selbstdarstellung statt Hilfestellung
Zumindest bei den deutschen Referenten. Oft erinnern die Vorträge an den Sparkassen-Spot: Mein Haus, mein Auto, meine Yacht. Es wurde viel zu viel Wert auf Eigendarstellung und -positionierung gelegt. Das bewusste oder unbewusste Vorenthalten von Informationen, was den Beratungsbedarf der Zuhörer gemindert hätte, ist doch zu durchsichtig. Stattdessen werden Methoden beschrieben und kleine Zückerchen ins Publikum geworfen, die sich auch mit gesundem Menschenverstand erschlossen hätten. Irgendwie lag über vielen Vorträgen der Schleier der Vernebelung mit dem Ziel den Vortragenden als den einzig fähigen Lüfter zu positionieren. Ich glaube ein Veranstalter tut gut daran sich die Präsentationen im Vorfeld schicken zu lassen und im Sinne der Customer Experience hier und da einzugreifen.
Usability skaliert nicht
Bei Usability scheint immer nur die volle Dröhnung etwas zu bringen. Das Eigeninteresse der Referenten vielleicht einmal mit den Zuhörern ins Geschäft zu kommen, verhindert eine skalierbare Hilfestellung. Immer nach dem Motto, ganz oder gar nicht – wobei ganz mit vollem Beratungspower bedeutet. Das mag für ein E-Commerce Power House, das schon komplett durchoptimiert ist, zutreffen. Oder für einen Konzerngiganten, dessen Vorstände nur noch auf die Accentures und McKinseys dieser Welt hören. Aber die Welt besteht nicht nur aus denen und deren Optimierungspotential dürfte auch im niedrigen Promillebereich liegen. Wir betreuen Kunden knapp unter diese Hutschnur und dort dürften selbst kleinere Usability-Tricks eine enorme Wirkung haben. Dann muss ich mir halt selber welche ausdenken.
Der Puscher
Der Moderator Frank Puscher war eine kontroverser Protagonist. Auf der einen Seite attraktiv, eloquent und gut informiert. Auf der anderen Seite flappsig und sehr repetativ. Jede seiner Mikrofonreichungen waren Sport für ihn. Er hatte bei der Abmoderation immer noch zwei Fragen. Und versprach den englischen Referenten bei der deutschen Anmoderation nichts Negatives über sie zu erzählen. Auch halte ich es für problematisch einen Moderator zum Referenten zu machen. Dies nimmt ihm seine neutrale Rolle und macht ihm zum Mittäter des Veranstalters. Dann hätte man die Zeit lieber nutzen sollen, um vom Auditorium zu erfahren, wo denn der Schuh drückt, was man von der Veranstaltung mitnehmen möchte und welcher Referent welche Frage wohl am besten beantworten könnte. Nur so wird der Moderator zum Anwalt der Zuhörer und nicht zum John Milton.
Geringe Conversion Rate
Wie so oft und gerade bei einem hohen Anteil inländischer Referenten liegt die Conversion Rate bei der Wissensaggregation im 10%igen Bereich. Bei den Überseereferenten dagegen kann man getrost eine knappe Null dranhängen. Vielleicht sollte ich meinen Mut mal zusammen nehmen und konsequent Veranstaltungen im Ausland besuchen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Nutzen und die Aktualität des Wissens für mich zunehmen würden. Quod erat demonstrandum, würde meine Tochter sagen, da ich kein Latein kann.
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